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© 2005 VG Bild-Kunst
die Autoren, die Fotografen
Nicolas Freitag


Texte:

Eröffnungsrede
Schule macht Kunst
macht Schule


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Mars (Pressetext)

Taucookiedealer


Wie"real" real,- ist
Raimar Stange im Katalog
"Schauland" 2002

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Installation:

"TAUCOOKIEDEALER TEXT"


TAUCOOKIEDEALER

Einführung in der Galerie Stücker, Brunsbüttel, am 8.1.2005.
Nicolas Freitags Ausstellungen beginnen immer schon mit der Einladungskarte, sie ist integraler Teil der Präsentation und selbst bereits Kunstwerk: Zu sehen sind in Reihen angeordnete Illusion Drops, die in Gießharz eingeschlossen in einer Hälfte ein Foto, in der anderen Malerei zeigen. Eigentlich eine ganz normale, in einem Umschlag versandte Einladung mit der Wiedergabe von ausgestellten Kunstwerken, wären da nicht der merkwürdige Titel „Tau-Cookie-Dealer“ und das ungewöhnliche Layout: Nach Abriss des rechten Rands mit den Ausstellungsinformationen stilisiert sie zu einer blanko Ansichtskarte, mit der wir selbst diese künstlerischen Wundertabletten verschicken könnten.

Einladungskarte mit Illusion Drops:
Einladungskarte
Einladungskarte
Der Name der Ausstellung ist programmatisch, prüfen wir deshalb zuerst die Bedeutung des dreiteiligen Wortes: „Tau“ ist lexikalisch gesprochen „abgesetzter Niederschlag in Form kleiner Tröpfchen, der durch Kondensation von Wasserdampf an der Erdoberfläche entsteht“, wie wir noch sehen werden gleichzeitig ein hoch besetztes Sinnbild. „Cookie“ (engl.), eigentlich ein Keks oder Plätzchen, bezeichnet außerdem kleine Textdateien, die einige Websites auf der Festplatte speichern und die Informationen zum Besucher enthalten. Es geht demnach um „kulturelle Kost“, aber auch um „Niederschlag aus dem Internet“. Was macht dabei der „Dealer“? Neutral übersetzt ist er lediglich ein „Händler“, meist meinen wir jedoch einen illegalen Lieferanten von Drogen, der ja auch mit Illusion Drops handelt, mit Pillen und Rauschgiften. In dem Moment, wo uns diese Karte erreicht und wir sie interaktiv weiter reichen, werden wir selbst zum Kunstdealer, zum Händler von Illusionen und Bildern. Man erhält bereits aus der Einladung deutliche Hinweise darauf, auf was die Kunst Nicolas Freitags abzielt. Seine Untersuchung gilt dem Umgang mit Bildern jeglicher Form in unserer Kultur, er fragt danach, was wir mit Bildern tun, wer sie verwendet, in welcher Form und mit welcher Absicht. In der Flut virtueller Bilder lässt sich heute Leben nicht mehr von künstlich hergestellter Fiktion unterscheiden, also: lapidare Postkarte oder echte Kunst, ist „illusion“ etwa „art“?

Schauen wir uns um – und das ist hier gar nicht so einfach, viele von Ihnen haben sicherlich erst einmal vergeblich nach den Kunstwerken gesucht, und doch hängen hier wohl mehr Bilder als je zuvor. Durch die ganze Ausstellung zieht sich diese pendelnde Balance zwischen Kunst und Nichtkunst. Nicolas Freitag hat die großen, klassischen Präsentationsflächen leer belassen und die, nach geltendem Verständnis eigentlich nicht kunstwürdigen Raumteile bespielt: die mittlere Wandnische und den Eingangsbereich, in dem er fiktive Plakate zwischen echten Ausstellungsankündigungen „versteckt“ hat. Auf abstrahiert verwischten Farbbahnen, deren Ursprung in Werbung und Zeitschriftentiteln hinter der malerischen Verfremdung nur noch zu ahnen ist, stehen die Schriftzügen „art“ und „playground“. In der Aneignung der beiden typischen Informationswege Einladungskarte und Plakat und in der eigenwilligen Hängung thematisiert diese Werkschau ganz grundsätzlich die Präsentation von Kunst. Nicolas Freitag leugnet die stillschweigende Verortung der Kunst im geschützten Gehege ehrwürdiger Galerieräume und entzieht uns zunächst die Bilder, obwohl doch Werbung und Medien, aber auch Politik, Kultur und Gesellschaft immer mehr vom Hunger nach bunten, möglichst spektakulären Bildern ergriffen werden. Der Künstler weigert sich, dieses kurzlebige Bildbedürfnis zu befriedigen, nimmt die Kunst vor der trügerischen Macht des starken, doch simulierten Scheins in Schutz.
Verblüffend genug nimmt man zuerst Texte und nicht Bilder wahr: die Transparentpapiere mit Satzsequenzen zum Begriff Tau, die in geringem Abstand vor die Wand gehängt sind, so dass die Schrift grafische Muster auf die Mauerfläche wirft. Verschiedene Bedeutungen werden aufgelistet, aber nur der Wortsinn „Niederschlag“ ist weiter verlinkt, durch Rot verknüpft mit Lexikonzitaten zur religiös kulturellen Auffassung des Taus bei Germanen, Chinesen, Buddhisten, Juden und Griechen. Das sprachliche Material wird mit der Malerei durch kleine, quadratische Leinwände verbunden, auf denen gleichsam als Illustrationen zum Text materialisierte Tropfen aus Gießharz den Tau haptisch abbilden – sprachlicher Sinnbildlichkeit folgt malerische Bildhaftigkeit. „Richtige“ Malerei hängt hier ausschließlich in der Problem beladenen Mittelnische zwischen Heizung und Verteilerkasten. Nicolas Freitag hat für diese Ausstellung annähernd 300, gestreckt längs ovale Einzelbilder zu einer, auf die Stadt Brunsbüttel, den spezifischen Ort Galerie und seine individuelle Raumsituation bezogenen Installation zusammengestellt – die scheinbare Leere entpuppt sich in dieser Nische als größte, eng verdichtete Fülle. Die Beziehungen untereinander ergeben sich aus der Gleichartigkeit des Materials und der Form sowie aus dem durchgängigen Einsatz von Fotografien. Allerdings vereinigen sich die Einzelteile nicht zu einem Gesamtbild, sondern nur zu einer seriellen Reihung, davor bewahren sie die verschiedenen Farbtöne und die variierenden Bildwelten. Die vielfarbigen Elemente sind hoch glänzende Arbeiten in Gestalt riesiger „Dragees“, hergestellt mit Gießharz, Transparentfolie, Fotos, Kopien und Malerei, die vor der Wand zu schweben scheinen, sich plastisch von ihrem Untergrund lösen und somit als Objekte in den realen Raum des Betrachters vortreten. Diese signalhaften Zeichen sind vertikal in ihrer Mitte geteilt, in gesuchtem Kontrast aus klassischer Malerei und technoider Medienästhetik treffen abstrakt spontane Farbflüsse auf schrillen fotografischen Realismus, beide eingetaucht in leuchtend wässrige Lasur.
Nicolas Freitag entnimmt der vermeintlichen Wirklichkeit von Medien, Werbung und Internet, diesem grenzenlosen Fundus profaner Mythologie, populäre, oft triviale Bilder, um sie künstlerisch zu sezieren. In der Serie der Illusion Drops wurden vom Künstler hundertfach Fotografien von Brunsbüttel verarbeitet, die als Eigenwerbung der Stadt im Internet stehen. Sie könnten darunter Veduten, Leuchttürme, das Schwimmbad, ihren Bürgermeister oder auch Schulklassen finden. Solche Portraits von Stadt und Würdenträgern ergeben im Netz ein gepflegtes, aber konstruiertes Image, bringen an Information zum Charakter von Brunsbüttel letztlich wenig – oder genauso viel wie Nicolas Freitags nackte Schönheiten, die sich zu den tatsächlichen Fotos der Stadt gesellen, zwar gar nicht aus dieser Region stammen und doch stellvertretend für sie stehen können. – Alles sind nur Bilder! Es funktioniert wie bei den Zitaten und Leinwänden zum Tau, zu denen der schillernde Harz auch formal eine Brücke schlägt: Bilder werden je nach kulturellem Kontext zu ganz unterschiedlichen Emblemen erklärt, sind damit relativ und interpretierbar, aber im Wortsinne kaum „realistisch“. Schon die ja nur technisch objektive Fotografie liefert bereits im Abbilden Bilder einer eigenen Wirklichkeit, die folgend für Werbezwecke zu grellen Klischees funktionalisiert werden; und genau diese virtuellen Visitenkarten eignet sich der Künstler malerisch an, verfremdet, verwischt und isoliert sie, so dass die Drops nur noch den Schein einer Wirklichkeit reproduzieren. Diese Bildfindung nach Werbe- und Medienmanier richtet die Kunstwerke auf ein gesellschaftliches Feld medial verbreiteter Kommunikationssysteme aus. Unsere Versuche der Entzifferung schlagen fehl, die versuchte Rückversicherung im wieder erkennbaren Foto transformiert hier zur Verunsicherung in Gießharz. Daraus resultiert die wiederholte Brechung und Irritation der Wahrnehmung, wenn man sich auf den zweiten Blick tatsächlich der Kunst und nicht den Medien ausgesetzt sieht.

Als Wiedergabe der Dinge noch erkennbar, wird das Motiv also in die Ebene von Unwirklichkeit überführt, auf der es letztlich nur als Malerei wahrnehmbar ist. Die Drops vermitteln damit die autonome Realität von Kunst, da hier neue Bilder gefunden werden, die sich allein in malerischen Mitteln manifestieren. Heute gibt es in der bildenden Kunst keine Grenzen mehr, weder zu den benachbarten Disziplinen des Designs oder der Werbung, noch zu allen Formen der Massenkultur. Übergreifende Offenheit ist ihr vorherrschendes Prinzip geworden. Man holt sich Anregungen, wo immer man sie findet, vorzugsweise dort, wo die unterschiedlichen Gattungen bereits spezifische Bilder hervorgebracht haben: bei Film, Video oder Printmedien. In diesem künstlerischen Cross overs ist malerisches Denken nicht länger an das klassische Tafelbild gebunden, bislang nicht malerische Materialien und Techniken können eingesetzt werden, ohne dass der Künstler sein Konzept von Malerei verlässt. Nicolas Freitag konzentriert sich neben der inhaltlichen Dimension genauso auf elementare, eben Malerei immanente Fragen: auf Bildträger und Format, Fläche und Teilung, Oberfläche und Textur, Farbe und Auftrag. Vor allem aber fragt er nach dem Wesen der Bilder – und das ist nun wirklich eine eminent malerische Frage. Er nutzt Malerei zum analytischen Klärungsvorgang über das problematische Verhältnis von Wirklichkeit und Kunst, diese labile kulturelle Relation zwischen den unterschiedlichen Realitäten von Urbild, Abbild und Bild. Seine Skepsis gegenüber Eindeutigkeit und Verlässlichkeit der Bilder kann sich uns mitteilen, kann unsere Reflexion über die allgegenwärtigen Ikonen, die alten und neuen, privaten und politischen, harmlosen und gefährlichen, anregen. Nicolas Freitag Kunst zwingt uns schlicht, über Bilder in all ihren Bezügen nachzudenken.
(Jens Martin Neumann)